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Das Wunder in der Rüdesheimer Straße
Von: Robert Neuber - Allgemeine Zeitung
Wir wollten die Erniedrigung durch Armut spüren und wurden von der Hoffnung überrascht
Die Konjunktur ist angesprungen, und gerade hat die Gesellschaft für Konsumforschung GfK bekanntgegeben: Die Deutschen werden 2008 durchschnittlich 700 Euro mehr im Portemonnaie haben. In der Rüdesheimer Straße stehen die Menschen hingegen Schlange - für Brot. Wir haben uns eingereiht und ein Wunder erlebt.
Die längste Kreuznacher Warteschlange findet sich nicht vorm Kino, nicht vor der Post und auch nicht vor der Buchhandlung Dr. Kohl, wenn der neue Harry Potter erscheint. Nein, die längste Warteschlange der Stadt bildet sich dienstags und donnerstags in der Rüdesheimer Straße, wo die Freie Christengemeinde "Die Brücke" Brot vom Vortage ausgibt. Die Vorstellung, im Lande von Porsche und Mercedes für altes Brot, also für ein Grundnahrungsmittel, anstehen zu müssen, erscheint so absurd, dass man im Vorbeifahren wie gebannt auf die Schlange schaut. Wer ist so arm, dass er sich kein Brot leisten kann? Kenne ich den vielleicht? Und schnell wendet man den Blick wieder ab, schaut auf die Fahrbahn der Rüdesheimer Straße, weil man darüber erschrickt, wie sehr der Anblick von Armut faszinieren kann.
Ich reihe mich am Dienstag selbst ein. Und schäme mich sofort ebenso wie die vielen Male zuvor im Auto, wenn ich gaffend an den anstehenden Menschen vorbeifuhr. Ich wollte die entwürdigende Situation, vor aller Welt um Brot bettelnd an der Straße zu stehen, selbst erleben, um darüber besser schreiben zu können, aber nun komme ich mir vor wie ein Heuchler, der sich unter fadenscheinigem Vorwand der Faszination der Armut hingibt. Und eben diese Faszination nehme ich auch, vielleicht ungerechtfertigt, in den Augen der vorbeifahrenden Menschen wahr. Es ist kurz vor zehn Uhr, und jeder Autofahrer, aber auch jeder schaut sich die Schlange an, manche verrenken sich sogar die Hälse am Steuer. Ich versuche, Blickkontakt aufzunehmen, aber die Leute in den Autos wollen schauen, nicht angeschaut werden. Sie weichen dem Blick schnell aus. Manche, denen ich hinterherschaue, drehen sich auch noch einmal um.
Ich überrage fast alle in der Reihe, kein Kunststück, es sind fast ausschließlich alte Leute, und kaum jemand spricht Deutsch. Es wird Russisch gesprochen. Keiner in der Schlange schaut in die Autos, statt dessen unterhält man sich angeregt, es wird viel gelacht, und mir drängt sich der Verdacht auf, ich könnte meiner eigenen "selektiven Wahrnehmung" zum Opfer gefallen sein: Was ich beim Anschauen der Schlange empfand und beim Drinstehen empfinde, scheint keiner so zu empfinden wie ich. "Klar, die Leute gucken, weil da ´ne Schlange ist, die Leute gucken immer, wo andere Leute zusammen stehen", wird mir später eine ältere Dame ihre pragmatische, vielleicht realistischere Sicht der Dinge erläutern. Und die Russen seien es eben gewohnt, Schlange zu stehen, deswegen empfänden sie es auch nicht als demütigend. Die Deutschen seien möglicherweise etwas "gehemmter", sich direkt an der Straße für Brot in die Reihe zu stellen, mutmaßt Maike Schütz, die Leiterin für soziale Dienste bei der Freien Christengemeinde. "Manche brauchen auch drei bis vier Mal, um sich reinzutrauen. Aber ansonsten haben wir ja fast nur Stammkundschaft."
Mario Zutter steht in der Tür und lässt die Leute in Schüben eintreten. Er kommt mir bekannt vor. Ich spreche ihn an, gebe mich als Reporter zu erkennen, und der 43-jährige Berliner entpuppt sich als der Mann, den man seit 2003, als er aus dem Osten nach Kreuznach kam, stets mit Bierflasche in der Hand und in Tarnanzug gekleidet durch die Stadt schlurfen sehen konnte. "Ich war selbst vier Jahre auf der Straße, mein Problem war der Alkohol. Aber seit einem Jahr bin ich trocken. Das hier war meine Rettung", sagt der Mann und deutet in den Raum der Brotausgabe. "Irgendwann habe ich mir gedacht, man müsste hier mal Ordnung reinbringen", grinst er, während er wieder ein paar Leute einlässt. Die Mitarbeiter der Brücke ließen sich auf ihn ein, ebenso wie die Diakonie, die ihm einen Arbeitsplatz, wenn auch nur einen Ein-Euro-Job, in der Altenpflege anbot. "Vier Mal habe ich in der ganzen Zeit gefehlt", sagt Zutter stolz, "und das war nur wegen der Entgiftung." Dann bringt er wieder lachend Ordnung in die Brotausgabe. Was soll man sagen? Ich war zur Brotausgabe gegangen, um die Erniedrigung durch Armut am eigenen Leibe zu spüren, und ich habe ein kleines Wunder erlebt. Kein göttliches, aber ein menschliches.